Meine liebe frühere Gemeinde,
Sie, die Menschen, mit denen zusammen ich versuche, Christ zu sein...
Ich hoffe, einige von Ihnen kennen noch den Satz: Weihen bedeutet, dass man einen Menschen oder einen Gegenstand mit der gebührenden Achtung und Aufmerksamkeit in den Dienst nimmt, den Dienst für Gott und an den Menschen.
Wie weiht man also ein Bild? Indem man es aufmerksam ansieht.
Fensterbild in der Kirche Zum Guten Hirten, Köngen
Nun ist es ja so, dass wir Menschen uns eher dazu zwingen müssen, Einzelheiten zu sehen. Wir sehen schon auf den ersten Blick
eher das Zusammen von Einzelheit und sagen dann, das sei das Bild eines Menschen, einer Frau, eines Baums – was sehen wir also
hier als Bild?
Einen Strom, der durch rotes Land fließt, vielleicht so rot wie der Boden einer Wüste. Das ist das Bild, das sich dem Sehen darbietet,
und das ist der Stoff, der sich dem Einsehen, dem Nachdenken anbietet.
Jedes Bild hat seine sinnlichen Eigenschaften. Das ist bei einem religiösen Bild nicht anders als z.B. bei der "Mona Lisa". Bei einem
religiösen Bild scheint mir sehr von Belang zu sein, dass es Stoff bietet zum Sehen und E i n s e h e n, zum Nachdenken also.
Dann könnte mir unser Bild sagen: Landschaften des Lebens, die manchmal trocken, versteppt, dürr sind, und Wasser, ein Fluss, der diese
Landschaften fruchtbar machen kann.
Das reicht. Mehr muss jemand über unser Bild gar nicht wissen. Und was er dann denkt, zu welcher Einsicht ihn die Sicht auf unser Bild
führt, das ist seine Sache.
Auch in dem, was wir jetzt dazu weiter sagen, führen wir nicht darüber hinaus, sodass wir etwas hinter uns lassen könnten. Es geht nur
darum, diesen Bildinhalt in Zusammenhänge zu stellen.
Ein erster Zusammenhang, der örtliche, hier in dieser Kirche: Innerhalb des Kreuzwegs neben dem Bild von Jesu Christi durchstochener
Seite. Im Evangelium des Johannes steht dazu, dass aus seiner Seite eine Art Bach von Blut und Wasser floss, vielleicht das Wasser der
Taufe, vielleicht das Blut der Eucharistie. Vielleicht aber auch das Lebensprinzip derer, die an ihn glauben: dass man sein Leben
verströmen muss, für andere.
Nun gibt es eine lange Tradition der Bibelauslegung in der Kirche, die zu jedem wichtigen Ereignis der Evangelien Entsprechungen im
Ersten Testament sucht. In der sog. ‹Biblia pauperum› werden diese Ereignissen der Evangelien dann mit jeweils zwei Begebenheiten
des Ersten Testaments zusammengebracht, mit Ereignissen, die eine Art von gleicher Zeichnung, von gleicher Kontur haben. – Für meinen
Hausgebrauch habe ich mir einmal vorgestellt, das sei wie bei durchsichtigen Folien, die man übereinander legt. Dann kann man neue
Zusammenhänge sehen.
Das zweite dieser biblischen Ereignisse steht im Zusammenhang mit unserem Fenster näher. Im Zweiten Buch Mose, dem Buch
Exodus (17,1-7), wird geschrieben, wie das Volk Israel in der Wüste Angst hatte zu verdursten. Sie ‹murren›, heißt es. Sie sagen:
Krepieren hätten wir auch in Ägypten können und komfortabler als hier in der Wüste. Der Herr gebietet dem Mose, mit dem Stab, mit
dem er das Wasser des Toten Meeres geteilt hatte, nun an den Felsen zu schlagen. Aber Mose zweifelt, dass der Herr Wasser schaffen
könne. Massa und Meriba, «Probe und Streit» nannte Israel den Ort.
Israel hat in seiner Geschichte ständig über diese Stelle der Schrift nachgedacht. Es versteht den Zweifel, den es bis heute gibt.
Sich auf Gott einzulassen führt immer in die Wüsten von Schwierigkeiten. Da ist es wenig wahrscheinlich, dass man da durchkommt.
Es ist so wenig wahrscheinlich wie das Wasser aus dem Felsen.
Aber da ist Gott wie Wasser aus dem Felsen, unwahrscheinlich, nicht auszurechnen, aber auch so, dass ihm auch in allen
Herausforderungen, in die er uns stellt, daran liegt, dass wir leben.
Gott, der wie Wasser ist, Gott, dem daran liegt, dass wir Menschen, seine Kinder, leben. Gott, der wie Wasser ist in den
Versteppungen unseres Lebens, etwa dann, wenn wir ausgebrannt sind.
Dieser Gott will, dass auch wir sind wie er, Wasser, das dem Leben dient. Da gibt es einen wichtigen Satz beim Propheten Amos. Den hören wir jetzt:
Lesung aus dem Buch des Propheten Amos (5,24)
„So spricht der Herr, der Gott der Heere: Recht ströme wie Wasser, Gerechtigkeit wie ein Bach, der nicht austrocknet.“
Klingt irgendwie harmlos, nach Idylle. Aber Amos sagt, dass das, worum es hier geht, in den Augen Gottes wichtiger sei als alle Gottesdienste zusammengenommen. «Gottes Recht» ist die Art und Weise, in der Gott sich zeigt und sich sehen lässt. «Gerechtigkeit» des Menschen ist die Art und Weise, in der Menschen etwas von der Art Gottes aufblitzen lassen und sich so vor Gott sehen lassen dürfen. Alles also, was wir denken und tun, muss wie Wasser sein, das belebt, das Landschaften grünen und blühen lässt. Und dies so, dass dieser Strom nicht versiegt. Das ist der Maßstab, der an alles angelegt wird, was Menschen treiben.
Dient also unsere Politik dem, dass "blühende Landschaften" entstehen? Oder liegt ihr vorrangiges Interesse im Machterwerb und
Machterhalt? Dient dem unsere Wirtschaft? Oder leitet sie die Geldströme in den betonierten Kanälen des ausschließlich eigenen
Interesses, so dass daneben Industriebrachen entstehen, das Leben von Menschen austrocknet, indem man sie um ihre Würde bringt.
Dann heißt es, man setze Menschen "frei". Aber das ist doch die Freiheit von Menschen, die man für "vogelfrei" erklärt.
Amos würde den Satz auch an unsere Religionsausübung als Maßstab anlegen: Leiten wir den "Strom des Glaubens" in den festen
Kanälen der Tradition, indem wir Glauben ‹verwalten›? Oder steht hinter allem und jedem die Frage: Wie dient unser Glaube dem
Leben dieses einzelnen Menschen in dieser seiner Situation?
Des Nachdenkens wäre hier kein Ende. Aber unser Fenster könnte ein Hinweis sein, dass in allem und jedem Gott wie Wasser ist, das
beleben und fruchtbar machen will.
Das wäre dann also in einer Kirche ein eben nicht mehr nur idyllischer Hinweis auf eine Praxis, die eine Kirche ihrem Gott schuldet.
Es wäre aber auch Grund und Anlass, diesem Gott ein Halleluja zu singen.
Aus dem Heiligen Evangelium nach Johannes (7,37-44)
„In jener Zeit, am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, da stellte sich Jesus hin und rief: Wer Durst hat, komme zu mir. Wer an
mich glaubt, der trinkt. Wie es die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er
den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht
war.“
Auch das ist eine Deutung der geöffneten Seite Jesu. Das – wenn man so sagen darf - "Qualitätsproblem" einer Kirche Jesu Christi von
heute zeigt sich daran, ob und inwieweit wir bereit sind, aus d i e s e r Quelle und nicht aus irgendwelchen anderen zu trinken und
unseren Durst nach Leben zu stillen. Da ist das Wasser lauter. Denn das Herz Jesu ist alles andere als eine "trübe Quelle".
Sehr leise und doch unbändig: Meine Hoffnung richtet sich darauf, dass jede und jeder, die aus dieser Quelle trinken, nicht mehr mit
abgestandenem Leitungswasser zufrieden ist.
Ernst Steinhart, 26.10.2008
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Letzte Änderung: 2010-10-09
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